DeutschlandRiesling

Odinstal hat mit seinen Weinbergen gegenüber den sonstigen Lagen an der Mittelhardt (das sind die Lagen nördlich von Neustadt in der Pfalz) einen Riesenvorteil. Das ist die Höhe!

Das Gutsgebäude liegt auf ca. 340 Metern über N.N., der Grossteil der Lagen fängt etwas bei 280 Metern an und der höchste Punkt dürfte bei 355 Metern liegen, wie mir die App Maps.me verraten hat. Mölsheim im kühlen Zellertal liegt zum Beispiel auf etwas 200 Metern und die Orte Forst und Deidesheim nur auf 120 Metern. Warum gehe ich darauf so so detailliert ein? Weil mit jedem Meter, den es höher den Berg hinauf geht, die Temperaturen sinken und die Tag-Nacht Amplituden größer sind, die so wichtig für das Erhalten der Säure im Wein ist. Gerade beim Riesling ist das ein sehr wichtiges Thema in Zeiten des Klimawandels. Die Höhenlage und der tolle Ausblick wären aber für einen Weininteressierten nicht genug Gründe einen Termin hier oben auf dem Gut auszumachen.

Der Grund warum ich heute hier bin ist ein Treffen mit Andreas Schumann, einem der Bio-Dyn-Pioniere in Deutschland, von dem ich etwas über seine Philosophie lernen möchte.

2004 übernahm Thomas Hensel das Gut und startete mit der Restaurierung. Kurz danach stiess Andreas Schumann als Weinmacher dazu und konnte auf Reben aufbauen, die bereits seit 1992 biologisch bewirtschaftet wurden. Im Laufe der Jahre erwarb er immer mehr Wissen und perfektionierte seine Arbeit. Durch seine Ausbildung bei Müller Catoir kennt er sich natürlich mit den Besonderheiten der Pfalz aus, aber hier oben auf 350 Metern herrschen andere Bedingungen.

Nicht nur die Besonderheiten der Lage müssen berücksichtigt werden, bei Odinstal wird biodynmasch gearbeit, das Weingut ist auch Demeter zertifiziert und hat damit wohl die strengste Zertifizierung gewählt. Im Keller wird auf Odinstal sehr wenig gemacht. Im Gespräch erzählte mir Andreas Schumann, dass er manchmal Anrufe bekommt von jungen Winzern, die ein Kellerpraktikum bei ihm machen wollen und denen er dann leider absagen muss, weil hier so wenig im Keller beim sogenannten „Weinmaking“ zu tun ist.

Dafür fällt mehr Arbeit rund um den Weinberg an. Alle Präparate und Tees für den Pflanzenschutz werden hier selber hergestellt. Kompost wird selber gemacht und das Gut verfügt über eine kleine Population von Rindern, deren Organe nach der Schlachtung für einige Präparate benötigt werden. Die Reben in einigen Parzellen werden gar nicht mehr geschnitten (zum Beispiel für den Silvaner Nakt).

Hier berichtet Andreas Schumann, dass dadurch die Erträge natürlich zurück gehen, aber die Pflanzen Ihren Ertrag selber steuern und die einzelnen Beeren auch unterschiedlich groß sind. Das bringt den Charakter der Rebsorte und den Boden, auf dem der Wein gewachsen ist ,gut zum Ausdruck ist mein Eindruck. Bei den anderen Reben wird die Methode des sanften Rebschnitts nach Simonet und Sirch seit 2015 angewendet, hierbei wird darauf geachet die Saftlaufbahn in der Pflanze nicht zu stören.

Es gibt auch im Ausbau der Weine Besonderheiten gegenüber vielen anderen Betrieben.

10% der ganzen Trauben werden mitvergoren und nach ein paar Monaten entnommen, um dann deren Presswein wieder hinzuzufügen. Das ist durchaus schmeckbar und bringt neben zusätzlicher Komplexität und einem leichten phenolischen Ton auch Frische in den Wein. Beim Silvaner kommen vergrabene Amphoren für einen Teil der Ernte zum Einsatz. Der Rest wird im Edelstahl und gebrauchten großen Holz ausgebaut. Einige Weine kommen nach 12 Monaten auf den Markt, die Lagenrieslinge erst nach 24 Monaten; bis dahin liegen die Weine jeweils auf der Vollhefe. Die Weine werden spontan und ohne Temperatursteuerung vergoren.

Da es im Winter dazu kommen kann, dass die Gärung stockt und erst im Frühjahr wieder langsam einsetzt, kann es passieren, dass im Wein Restzucker verbleibt. Hier wird nicht dagegen gearbeitet und man lässt die Weine entstehen ohne einzugreifen. So hat der Muschelkalk Riesling 2018 etwa 25 Gramm, die aber sensorisch sehr gut eingebunden sind. Weine mit Restzucker müssen vor der Füllung gefiltert/geklärt und leicht geschwefelt werden. Es gibt aber auch Weine im Programm die naturtrüb und ohne zugefügten Schwefel gefüllt werden, wie etwas der Silvaner Nakt 2018.

Bei der Weinernte wird darauf geachtet, Trauben mit Botrytis auszusortieren (Handlese ist hier sowieso selbstverständlich). Gesunde und gut selektierte Trauben bilden die Basis für eine natürliche Weinbereitung ohne Eingriffe und Hilfsstoffe. Eine Besonderheit ist auch, dass er die Traubenzone nicht entblättert. Dabei geht es nicht nur um die Beschattung (in den letzten Jahren hatten viele Winzer Probleme mit Sonnenbrand bei den Trauben), sondern auch um den Nährstoffkreislauf in der Pflanze wie er berichtet und die Versorgung der reifenden Trauben aus in den Blättern eingelagerten Nährstoffen, wenn dieses zum Herbstanfang ihre Farbe wechseln (sequentielle Seneszenz). Beim Probieren der Weine fällt die Balance  auf, die die Weine von Odinstal auszeichnet. Doch nicht nur diese auch ihre Struktur macht sie zu guten Essensbegleitern.  In der Gastronomie sehr erfolgreich ist zum Beispiel der Weissburgunder 350 N.N. Ich konzentriere mich an diesem Tag aber auf die Lagenrieslinge vom Muschelkalk, Bundsandstein und Basalt.

Das Weingut verfügt  über einen interessanten Mix von Böden auf kleinem Raum, es werden ja nur 6,4 Hektar mit Wein bewirtschaftet. Der Riesling 2018 vom Buntsandstein zeigt zum Beispiel Zitrus, Yuzu und Grapefruit Noten, während der Basalt Riesling fruchtiger ist, mit gelben Früchten und etwas Mango. Der Riesling vom Muschelkalk hat eine eher florale Note mit Holunderblüte, aber auch Anklänge an Melone.  Obwohl annähernd zum gleichen Zeitpunkt geerntet und gleich vinifiziert sind die Weine eben sehr unterschiedlich in ihrem Charackter, echter Terroir Riesling eben. Mich begeisterte aber auch der Silvaner, ein Naturwein, der den würzigen Character der Rebsorte wunderbar eingefangen hat. Es empfiehlt sich den Weinen nach dem Öffnen Luft zu geben, sie vielleicht sogar einmal am nächsten und übernächsten Tag zu geniessen. Probieren sollte man auch den Cidre, der hier aus 15 verschiedenen Apfelsorten auf dem Gut erzeugt wird; er ist vielschichtig und wird knochentrocken ausgebaut. Mit einem Schluck Silvaner verabschiede ich mich von Odinstal und Andreas Schumann und trete die Reise ins „Tal“ an.